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Provinz als Chance?

50 Jahre Literaturzentrum Neubrandenburg

„Neubrandenburg? Ich bitte Sie, das ist doch tiefste Provinz“, schrieb Brigitte Reimann 1969, ein Jahr nach ihrem Umzug in die Stadt. Dabei war das ehemalige Ackerbürgerstädtchen zu dieser Zeit Bezirksstadt und auf dem Weg, eine moderne Großstadt zu werden. Das nach dem Krieg zerstörte Zentrum war wieder aufgebaut worden, neue Wirtschaftsbetriebe und Wohngebiete entstanden. Die Einwohnerzahl stieg stetig. Da aber in der agrarisch geprägten Provinz auch ein reich bestelltes kulturelles Feld angelegt werden sollte, mussten neue Einrichtungen geschaffen werden. Dazu gehörte das am 1. September 1971 gegründete Literaturzentrum (LZ).

Ein Schwerpunkt seiner Arbeit war die Förderung von Autor*innen. Im Wiekhaus am Stargarder Tor, dem damaligen Sitz des LZ, fanden regelmäßig Autorenbegegnungen und Werkstatttreffen statt, gab es Beratungen mit Verlagslektor*innen, Journalist*innen und Wissenschaftler*innen. Darüber hinaus konnte das LZ Schreibende mit Arbeitsstipendien, Lektoratsarbeiten, Empfehlungen für ein Studium am Leipziger Literaturinstitut und für Verlagspublikationen individuell fördern. Letzteres gelang jedoch nur in Einzelfällen – zu weit war man hier in der Provinz von den entsprechenden Netzwerken entfernt, um die Hürden von Druckgenehmigungsverfahren und Papiermangel meistern zu können.

Als Alternative organisierte das LZ ab 1983 die Veranstaltungsreihe „Neue Literatur im Gespräch“. Neben literarischen Debütant*innen wurden hier Mitglieder der Autorengruppe mit ihren noch unveröffentlichten Texten vorgestellt. Diese fast immer ausverkauften Lesungen bereicherten das kulturelle Leben der Stadt, das durch den Zuzug vieler junger Künstler*innen in den 1970er und 80er Jahren überaus lebendig war.

Zweite Kernaufgabe des LZ war die Pflege des regionalen Literaturerbes. Schon 1973 lockte eine erste Ausstellung über Hans Fallada in Feldberg innerhalb von zwei Monaten 5000 Gäste an. Dieses große Interesse ermutigte zu weiteren Aktivitäten: 1976 erhielt die Feldberger Schule den Namen „Hans Fallada“, in jedem Jahr wurde dort der „Tag der Literatur“ organisiert, das LZ stiftete einen Hans-Fallada-Preis für kreative Leistungen von Schüler*innen und richtete 1977 eine Gedenkstätte im ehemaligen Carwitzer Wohnhaus des Schriftstellers ein. Gemeinsam mit der Gemeinde Feldberg sorgte das LZ für die Umgestaltung des alten Carwitzer Dorffriedhofs, wohin 1981die Urne Hans Falladas aus Berlin umgebettet wurde.

1978 initiierte das LZ den Ankauf des Nachlasses von Hans Fallada, der sich bis dahin in Privatbesitz in Braunschweig befunden hatte, und eröffnete 1981 das Hans-Fallada-Archiv in Feldberg.

Nach 1990 galt es, das Erreichte zu bewahren und in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse zu überführen. Eigentumsfragen mussten neu geregelt, ein neuer Träger für das LZ gefunden, der Verkauf des Carwitzer Fallada-Anwesens durch die Treuhand verhindert werden. Doch trotz aller Widrigkeiten waren die 1990er Jahre die spannendsten und erfolgreichsten in der 50jährigen Geschichte des LZ.

Mit dem federchen verlag erfüllte sich das LZ einen Traum: Endlich konnten Bücher ohne Zensur und Papierknappheit veröffentlicht werden. In einem Zeitraum von 20 Jahren erschienen über 20 belletristische Titel von Autor*innen aus M-V, alle illustriert von Künstler*innen aus der Region.

1993 wurde das LZ von der Stadt Neubrandenburg per Vertrag in die Trägerschaft eines eingetragenen Vereins übergeben, dessen Mitglieder das Veranstaltungsprogramm seitdem mit eigenen Ideen und Initiativen bereichern.

Mit Unterstützung des Landes M-V konnte die Gemeinde Feldberg das Fallada-Anwesen in Carwitz erwerben, sanieren und weitgehend in den Originalzustand zurückversetzen, fachlich begleitet vom LZ und der Hans-Fallada-Gesellschaft (hfg), die sich 1992 gegründet hatte und deren Vorläufer der 1983 vom LZ ins Leben gerufene Hans-Fallada-Freundeskreis war. Die hfg betreibt das Wohnhaus des Schriftstellers seit 1995 als Museum. Im Jahr 2000 zog das LZ mit dem Hans-Fallada-Archiv in das Scheunengebäude des Anwesens ein.

1987 hatte das LZ in Carwitz begonnen, Literatur-Feste für Kinder zu organisieren, die seit 1991 in Kooperation von hfg und LZ als „Hans-Fallada-Tage“ um Veranstaltungen für alle Altersgruppen erweitert wurden. Sie sind ein Höhepunkt im Veranstaltungskalender der Region und ziehen zahlreiche Gäste an.

Bald nach dem Tod Brigitte Reimanns 1973 hatte das LZ begonnen, auch deren Briefe und Manuskripte für ein Archiv zusammenzutragen, 1978 veröffentlichte es eine erste Monografie über die Autorin. Doch ein Gedenkort für Brigitte Reimann in Neubrandenburg konnte erst nach 1990 geschaffen werden, als der DDR-typische Wohnungsmangel beseitigt war. Das LZ hat den Ankauf des Nachlasses der Schriftstellerin durch die Stadt im Jahr 1995 vermittelt, mit Spendenmitteln unterstützt und dafür weitere Fördermittel des Bundes, des Landes und der Stiftung Kulturfonds eingeworben. 1999 wurde das Brigitte-Reimann-Literaturhaus mit einer Dauerausstellung und einem regionalen Literaturarchiv eröffnet.

Über zahlreiche Wanderausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, Konferenzen, Vorträge und Lesungen hat das LZ die Literatur der Region landes- und bundesweit bekannt gemacht. Dazu nutzt es die seit 1990 aufgebauten Kooperationen, zu denen neben den bereits genannten die Brigitte-Reimann-Gesellschaft und der Literaturrat Mecklenburg-Vorpommern (beide 1999 im LZ gegründet) sowie die Hans-Fallada-Stiftung und der Friedrich-Bödecker-Kreis in M-V gehören. Seit 1998 ist das Literaturzentrum Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten (ALG) und damit im wichtigsten bundesweiten Netzwerk der Literatur verankert.

Im Jahr 2016 wurde die finanzielle Förderung des LZ in einer gemeinsamen Zielvereinbarung mit der Stadt Neubrandenburg, dem Land M-V und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte festgeschrieben. Dies sehen wir als Zeichen der Wertschätzung unserer Arbeit, ebenso wie die Auszeichnung mit dem Hartmut-Vogel-Preis der ALG im Jahr 2020, von der wir uns bestätigt und ermutigt fühlen, auch zukünftig Bewährtes fortzuführen, für Neues offen zu sein und Widrigkeiten standzuhalten.

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